Bildhauer G

Bildhauer G war der größte Mensch, dem ich je begegnet bin. Er war von solch gewaltiger Größe, dass wer seiner erst direkt vor ihm Halt machend gewahr wurde, sich gänzlich außerstande sah G zu umrunden und umkehren musste, um am nächste Tag aufs Neue sein Glück zu versuchen. Doch als ich am nächsten Tag wieder kehrte, war meine Eile vergebens. Es sollten noch Jahre ins Land ziehen, bevor ich G zum zweiten Mal zu Gesicht bekommen sollte.
Doch wie hätte ich das wissen können? Mein Blick sprang suchend über die Köpfe der Vorübergehenden hinweg. Mit mitleidsvoller Miene blieb einer von ihnen plötzlich stehen und fragte nach den Grund meiner Erregung. Ich begann von meine Begegnung mit G zu berichten, begann vor allen Dingen Gs Größe zu beschrieben, doch nur zu bald war klar, wie aussichtslos dieser Versuch bleiben musste: Die Sprache versagte mir und in die Zügen meines Gegenübers waren Unverständnis und Ratlosigkeit getreten.

Erst viel später also hatte ich das Glück wieder auf G zu treffe und dann zudem gleich dessen Bekanntschaft zu machen. Und mit Jahren entwickelte sich aus dieser Bekanntschaft sogar eine vorsichtige Freundschaft. Das hoffe und glaube ich jedenfalls, wenn ich an meine Gespräche mit ihm zurückdenke.
Gs Blick auf Mensch und Welt war voller Wohlwollen und Gütig, sein Geist war klar und wach, seine Stimme sanft und hell. Gs Stimmung jedoch war stets gedrückt, wie allmählich durchschien, wann immer das Gespräch über die anfänglichen Höflichkeiten und freundlichen Nachfragen hinzugehen begann. Regelrecht niedergedrückt war Gs dann bald von seinem Kummer und seine Miene schien in eine einzigen verzagten Frage verwandelt.

Er esse zu wenig, erklärte er zögernd, wenn man sich nach dem Grund seines Kummers erkundigte. Sein Arzt sage beim Abschied immer, er solle aufpassen, dass er nicht vom Fleisch falle und sich den Hals breche. Das könne freilich bloß ein Scherz, beeilte sich G dann stets zu betonen, das sei ihm natürlich klar. Sein Arzt neige eben zum Scherzen. Als Arzt hätte er aber doch geschworen, immer zum Wohle seiner Patienten zu handeln, und nach bestem Wissen und Gewissen alles zu tun, um deren Gesundheit wiederherzustellen und zu erhalten. Auch was ein Arzt im Scherz sage, sei also Teil der Behandlung und daher Ernst zu nehmen.
Nichts konnte G dann von seiner Sorge ablenken. Und letztendlich lernte ich sie als Teil seines Wesens anzunehmen und zu respektieren.

Vor einigen Wochen nun – ich blätterte gerade durch die Lokalnachrichten – sprang mir in den Kurznotizen ein vertrauter Name ins Auge: Bildhauer G war am vergangenen Tag nach einem schweren Sturz seinen Verletzungen erlegen. Ich hatte G nicht gekannt, wusste ich nun. Das Los, welches er gezogen hatte, seine Verzagtheit, sein Kummer: Er hatte sie angenommen, statt seinen Blick abzuwenden – und den meinen durch in ein aufrichtiges Lächeln fort zu locken.

Oft ertappe ich mich nun beim Tragen einer fröhlichen Miene und fühle mich nachdenklich werden.

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